Blasmusik, quo vadis?

Gustav Mahler meinte mal sinngemäß: "Tradition ist die Bewahrung des Feuers und nicht die Anbetung der Asche." Das gilt auch für die Blasmusik, die immer mehr den Anforderungen der heutigen Zeit gerecht werden muss. Damit ist die steigende Professionalisierung der Blasmusik und die damit verbundene Professionalisierung der Literatur gemeint: Ist es in einer Blasmusikkapelle/Militärmusik gut, nur sinfonische Blasmusik zu spielen?

Dass die Blasmusik aus dem Militärwesen entstanden ist, ist in Blasmusikkreisen schon lange kein Geheimnis mehr. Bis inclusive zum Ersten Weltkrieg war es so, dass eine Militärmusik als erste in die Schlacht zog, um die Stärke der Truppe zu zeigen: Je größer die Musikkapelle und je umfangreicher das Instrumentarium, umso größer war die Heerschar dahinter. Aber kein Militärmusiker konnte ewig kämpfen, wer den Krieg überlebte, konnte den Beruf des Militärmusikers weiter ausüben, wurde ehrenhaft entlassen oder in die Pension verabschiedet.

Durch diese pensionierten Militärmusiker entstanden in Österreich um 1900 viele zivile Blasmusiken. Die pensionierten Militärmusiker schmuggelten viel Notenmaterial aus ihrer ehemaligen Arbeitsstätte und gaben jungen Musikern Instrumentalunterricht. So entstand im deutschsprachigen Raum eine große Amateurblasmusikbewegung, für die viele Komponisten Originalwerke komponierten. Trotzdem blieb die Literatur großteils militärisch angehaucht, es wurden aber auch viele ländliche Stücke wie Polkas und Walzer ins Programm aufgenommen.

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Blasmusik wie so viele andere Dinge für die Propagandamaschinerie des Dritten Reiches benutzt, was den Militärmusiken von heute leider noch immer ein wenig nachhängt.

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts/Beginnn des 21. Jahrhunderts entstand folgendes Problem: Die Großen Sinfonieorchester begannen Stellen aufgrund Geldmangels zu streichen, so manches Orchester wurde gar ganz aufgelöst. Was passierte? Die Stellen in einem Sinfonieorchester wurden immer begehrter, und somit hob sich das Niveau der Probespiele für ein Ochester exponentiell an. Im Gegensatz dazu gibt es aber eine enorme Welle von jungen Musikstudenten, die einer beschränkten Orchesterstellenzahl gegenüberstehen. Folglich hat heutzutage nicht jeder Musiker eine Chance auf eine Orchesterstelle, und damit passiert folgendes Phänomen, dass wie Hans Gansch, ehemaliger Solotrompeter der Wiener Philharmoniker und nunmehriger Professor am Mozarteum Salzburg, zu sagen pflegt, „viele perfekt ausgebildete Orchesterbläser in Ortsmusikkapellen ihr Dasein fristen“.

Das hat natürlich zur Folge, dass einerseits das Niveau der Blaskapellen steigt, andererseits aber die Kluft zwischen den „top ausgebildeten Orchestermusikern“ und den Amateuren extrem weit auseinander geht, was für einen Kapellmeister zur Gratwanderung wird: Die Einen fühlen sich überfordert, die andern langweilen sich.

Gleichzeitig mit dieser Bewegung kam in Holland, England und Japan eine Bewegung in Gang, nicht mehr Marsch/Polka/Walzer zu spielen, sondern  „hochgestochene Orchestermusik“. Dies hat eben zur Folge, dass zwar die Profis Beschäftigung finden, aber die Amateure, die oft keine Musikschulausbildung haben und sich deshalb technisch und musikalisch schwer tun, sind heillos überfordert, auch viele Kapellmeister, die ihr Handwerk autodidaktisch gelernt haben, kommen damit nicht klar und trauen sich deshalb nicht, an Konzertwertungen teilzunehmen.

Doch die Kapellmeister können am Wenigsten dafür: Der Österreichische Blasmusikverband (ÖBV) veranstaltet jedes Jahr in der Karwoche in Kärnten einen Dirigentenmeisterkurs für neun Kapellmeister aus allen neun Bundesländern. Hier wird aber nur gelernt, wie man 5/8-Takte oder 9/16-Takte dirigiert, anstelle von grundlegenden Dingen: Wie bringe ich einer 15-jährigen, pubertierenden Flötistin Musik näher, oder wir erklärt man einem 80-jährigen Mann, der schon seit Ewigkeiten die große Trommel oder die Becken schlägt, einen Synkopenrhythmus? Wenn man das nicht im Blut hat oder ein Pädagogikstudium absolviert hat, steht man da an. Dafür gibt es ja Jugendorchesterleiterseminare. Man stelle sich vor, dieser supertolle Dirigentenmeisterkurs kostet ohne Unterkunft und Unterlagen ja schon 200€, jetzt kommt ja noch die Unterkunft und die Unterlagen sowie die Verpflegung dazu, dann muss man ja mit 400-500 € rechnen! Und jetzt soll man den Kurs für Jugendorchesterleiter auch noch machen, der kostet noch einmal 400 €. Welcher Verein oder welche Einzelperson kann sich solche Summen leisten?

Was weiters fehl am Platze ist, ist die Förderung der 20-30-Jährigen. In Kärnten gab es bis zum Jahr 2011 vier Sommerkurse des KBV: Das Kids Camp, das Advanced Camp, das Junior Camp und das Master Camp (mit Landesjugendblasorchester). Anscheinend wurde das Master Camp inklusive Landesjugendblasorchester ersatzlos gestrichen, dafür ein Bundesjugendblasorchester mit einer Altersbegrenzung von maximal 19 Jahren eingeführt, auf die Musikstudenten, die Orchesterpraxis brauchen, wurde anscheinend bewusst vergessen.

Und was ist die Literatur von allen Kursen/Projekten? Sinfonische Blasmusik! Ist ja alles recht und schön, aber so verlernen die Blaskapellen landauf, landab das in ihrem Ort wichtigere Betätigungsfeld: Traditionelle Blasmusik. Es gibt mittlerweile nur noch wenige Kapellen, die einen Marsch anständig spielen können, eine Polka mit Gefühl rüberbringen oder überhaupt das Feeling für einen Walzer haben, dabei wäre das ja gerade in ländlichen Gegenden das Wichtigere! Stattdessen werden bei Früh- oder Dämmerschoppen moderne Schlager gespielt, die man überall im Radio hört…

Eines muss man aber dem ÖBV lassen: Bei Konzertwertungen in Kärnten muss man jetzt als zweites Wahlstück einen Traditionsmarsch zum Besten bringen, und in Oberösterreich zum Beispiel eine böhmische Polka. Doch angesichts der Tatsache, dass die Anzahl der Frühschoppen abnimmt (jeder Veranstalter engagiert mittlerweile aus Profitgier lieber einen Alleinunterhalter für einen Frühschoppen als eine ganze Blasmusik, allein schon wegen der Verpflegung, dabei wird aber übersehen, dass sich eine Blaskapelle durch hoffentlich viele gezahlte Getränkerunden zum Teil selbst finanziert…)

Aber es ist ein Teufelskreis: Wenn man in einem Musikverein Leute haben will, muss man sie mit tollen Stücken locken. Aber um tolle Stücke spielen zu können, braucht man eben die Leute dafür. Bis das einmal jemand in den obersten Reihen kapiert, wird noch viel Wasser die Donau hinunterrinnen…